Textfragmente


von Heinz Thiel, Wilhelm Beuermann und Michael Stoeber
zu den Arbeiten von Jürgen Friede

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Die Steinskulpturen von Jürgen Friede entwickelten sich seit 1989 in kleinen Schritten von Gebilden aus freien geometrischen Formen zu Köpfen und Büsten.

Die jüngsten Arbeiten zeigen den Einfluss der nordafrikanischen mittelmeerischen Welt. Seit vier Jahren reist der Künstler nach Marokko und taucht dort in eine ihm unvertraute Welt ein, die sich ihm sprachlich verschließt, aber bildhaft neue Dimensionen eröffnete. Eine Umsetzung im Werk war mit diesen Reisen nicht zwingend verbunden, aber sie geschah und ist auch für den uninformierten Betrachter sichtbar.
Die Skulpturen zeigen eine klare Fremdheit, aber im (visuellen) Gewand des uns Vertrauten.

Die Büsten sind, wie alle Steinskulpturen von Jürgen Friede, gekennzeichnet durch eine präzise Handwerklichkeit. Gelegentlich findet man Riefen, die als Schmucklinien eingegraben sind. Verschiedene Steine sind vom Künstler teilweise bemalt worden. Manchmal sind die Büsten aus zwei verschiedenen Steinen zusammengesetzt. Köpfe und Büsten wirken gedrängt oder schmal, so als ob sie aus Zeichnungen entsprungen wären.

Die Köpfe, die Jürgen Friede aus den Steinen schlägt, sind blicklos. Man kann Ihnen nicht in die Augen schauen, sie haben keine. Aber dadurch werden diese Köpfe nicht blind. Sie haben ihr Leben und ihre Würde. Vielleicht beides sogar in gesteigerter Form. Sie haben aber auch etwas, was “wirkliche“ Köpfe nur selten haben, eine Balance.

Die einzelnen Elemente der Büsten lassen sich verschiedenen Kulturkreisen zuordnen: die Zeremonialbärte den Pharaonen der Ägypter, die Hinterkopfschmuckformen den Helmbüschel klassischgriechischer Soldaten, die langen Hälse mittelafrikanischen Holzskulpturen und die Kopfhaltung schwarzen Frauen im nordwestlichen Afrika.
Nirgendwo in einem Museum findet man an einer Skulptur so viele unterschiedliche Kulturmerkmale.
Aber: sie halten sich aus und auf eine höchst glückliche Weise in der Waage.

...........aus einem Vortrag von Heinz Thiel, 2004

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Dass Formen auch ohne abbildende Funktion eine Aussage haben, ist eine Erkenntnis, die so alt wie die Kulturgeschichte ist. Werke der Bildhauerei, vom keltischen Oghamstein über mittelalterliche Herrschaftsinsignien bis hin zur Plastik unseres Jahrhunderts, zeigen die magische Mitteilungskraft, die unerklärliche aber faszinierende Sprache der reinen Formen.

Hier liegt wohl der Ausgangspunkt für die plastischen Arbeiten von Jürgen Friede.

Die Assoziationen sind vielfältig: verschlossene Schiffs- oder Flugzeugrümpfe. Bojen, merkwürdig geformte Ambosse, riesige Weberschiffchen und Splinte, hydraulische Schwimmer oder Batterien.

Den Arbeiten aus Stein oder Kupferblech könnte eine lang vergessene Funktion eigen gewesen sein – oder eine zukünftige.
Fein durchdacht , auf eine phantasievolle Weise geometrisch, lassen sie den Betrachter mit der Zuordnung allein. Das Rätsel bleibt ungelöst und das soll es auch.

Eine andere Eigenart, die immer wieder in den Arbeiten auftaucht, ist die Doppelform. Teils sind es zwei ähnliche Formstücke, die nur bei genauem Hinsehen ihre Unterschiedlichkeit zeigen, teils sind es auch völlig identische Formen, die durch Lage oder Position zueinander Bezüge und Raumformen entstehen lassen. Sind die Formen spiegelbildlich aufeinander bezogen, imaginieren sie eine Achse, einen Mittelpunkt, sind sie parallel nebeneinander geordnet, assoziiert der Betrachter der Serie, eine Vervielfältigung und Reihung.

Der Bildhauer Jürgen Friede spielt mit den Phantasien des Betrachters. Seine Plastiken sind Ensembles
rätselhafter Formen und Figuren, welche durch ihre beunruhigende Fremdheit, verbunden mit der Illusion des Wiedererkennens, die gewohnten Sehmechanismen verwirren. Die Werke führen über Assoziationen in viel verzweigte Sinnzusammenhänge zu einem Bereich von imaginären Funktionen.

...............Wilhelm Beuermann

Ein mehrsprachiger Minimalist

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Das der Mensch ein sinnsuchendes Wesen ist, scheint eine anthropologische Konstante zu sein. Noch in den flüchtigsten tachistischen Klecksen und abstraktesten Kürzeln sucht er nach bedeutungshaltigen Strukturen und Konfigurationen.

Nichts scheint so beunruhigend wie die reine Form.
Die Psychologie hat sich dieses Semantisierungsbedürfnis im Rohrschachtest zunutze gemacht. Mit der Aufforderung, zufällige Formen zu beschreiben, schleicht sie sich in das Unterbewusstsein ihrer Probanten, die wenig über diese ›Kunst‹, viel dagegen über sich selbst verraten.

Wenn wir daher in den Skulpturen Jürgen Friedes erotische Anspielungen vermuten, wenn sie uns an die archaischen Idole längst versunkener Kulturen erinnern, an kretische Stiergottheiten oder an die aufgerissenen Rachen phantastischer Fabelwesen, beschreiben wir damit weniger seine Skulpturen als uns selbst.
Beim Blick auf die wirklichen Objekte sind wir am Ende im Inneren des eigenen Kopfes. Da, wo sich die Illusionen abspielen.

Friede hat Abschied genommen von utopischen Modellen in der Kunst zu Gunsten einer optischen Kultur, die gleichwohl sanft subversive Züge trägt, will man nur genau genug hinschauen. Die glatte Überführung von Kunst ins Leben oder die platte Nachahmung von Wirklichkeit ist seine Sache nicht. Was ihn interessiert, ist nicht die künstlerische Fiktion, sondern die Entwicklung eines eigenständigen Formenvokabulars, das sich auf keinen eindeutigen Nenner bringen lässt. Er optiert für einen Pluralismus der Form, auch in der Verwendung unterschiedlichster Materialien, Papier, Eisen, Gummi, Blei, Kupfer oder Stein und in der Entfaltung der Skulpturen im Raum. Friede will kein politisches Programm in der Kunst, eher schon die Entfaltung einer poetischen Wahrheit.

Auch seinen Arbeiten aus Stein, in der Regel Granit und Marmor, eignet eben diese poetische Qualität in hohem Maße. Mit Presslufthammer und Meißel, mit elektrisch betriebenen Trennschneidern und –schleifern treibt der Künstler seine strengen Formen aus der spröden Materie. Ohne vorherige Skizze, allein mit dem gedanklichen Entwurf im Kopf, schneidet und fräst, schleift und poliert Friede seine Objekte. Er vermeidet so jede Handschriftlichkeit, bis seine Artefakte die Perfektion der industriellen Retorte besitzen, wobei sie in ihrer luxuriösen Zweckfreiheit ein eher befremdliches Eigenleben führen. Einmal mehr steht ihre selbstbezogene Manier in irritierendem Gegensatz zu ihrer funktionalistischen Umgebung. Die Anonymisierung ist jedoch kein Credo, das Friede in verabsolutierender Ausschließlichkeit verfolgt. In seinen letzten Arbeiten finden sich Schraffuren und skriptural aussehende Runen, die einen reizvollen Kontrast zur glatten Oberfläche der übrigen Skulptur bilden und die wie eine mysteriöse, nicht näher zu dechiffrierende Mitteilung aus einer anderen Kultur wirken.

In seinen zurückgenommenen, reduzierten Skulpturen, insofern der Minimal Art verwandt, verbindet Friede äußerst eindrucksvoll ein technoides mit einem organoiden Vokabular. Harte und präzise Einschnitte wechseln ab mit sanften und weichen Kourbaturen, organische und ornamentale mit geometrisch-konstruktiv gestimmten Formen. Die Objekte zeigen Zacken und Einschnitte, Rundungen und Schwünge, Abstufungen und Treppen. In der Pluralität offener und geschlossener Formen, in Transparenz und Dichte sind sie im besten Sinne zwei- oder auch mehrsprachig.
Friede fertigt Formen, die miteinander dialogisieren und sich gegenseitig kommentieren, ohne beziehungslos nebeneinander zu stehen. Hier ist ein Künstler am Werk, dem Maß und Zahl wichtig sind, Equilibrität und Echo, Spiegelung und Serie, Polarität und Verdoppelung. Viele Arbeiten treten a’ la lettre als Pendant auf. Es scheint, Friede zählt wie die Phytagoräer. Er fängt mit zwei an.

Streng und sachlich sind diese Skulpturen und genau gearbeitet, dabei oft von geradezu lyrischer Leichtigkeit. Der präzise Umgang mit der Proportion spiegelt des Künstlers Einstellung zu den Dingen und zur Welt, die subtil auf das Bewusstsein des Rezipienten zurückschlägt. Dabei spielt die Interaktion mit dem Raum eine wesentliche Rolle.
In ihrem spannungsreichen Reduktionismus konzentrieren Friedes Skulpturen den Blick. Das Auge gleitet über die Objekte, als fühle es mit der Hand. Auch ohne sie anzufassen, spürt man ihre haptische Qualität, eine Art von tastbarer Wahrheit.

Die körnige Härte des geschliffenen Granit und den kristallinen Schimmer des polierten Marmors meint man jederzeit physisch wahrzunehmen.
Friedes Skulpturen haben eine sinnliche Präsenz, die sich unmittelbar herleitet aus des Künstlers Präokkupation mit der Form und der Form allein. Statt um bedeutungsvolle Transzendenz geht es ihm immer um intensive Immanenz.

So greifen seine Arbeiten auch in den umgebenden Raum aus, gliedern und strukturieren ihn. Neben der eigentlichen Skulptur bewährt sich wie ein alter ego der Schattenriss des ausgeschnittenen Raumes, der solcherart definiert und visualisiert wird.

In Antike und Mittelalter wurde die Skulptur in enger Anbindung an architektonische Bauglieder wie Säulen und Pfeiler, Portale und Fassaden geschaffen. Erst allmählich hat sie sich zur skulpturalen Freifigur entwickelt, wie wir sie als Memorial der Neuzeit kennen. Wenn man will, setzen Friedes Skulpturen einen Prozess der Revision in Gang. Sie sind, ohne als zeitlich oder örtlich fixiertes Stilzitat zu wirken, jederzeit auch als skulpturale Körper und autonome Applikationen in zeitgenössischen architektonischen Ensembles denkbar.

.....................………… Michael Stoeber